Dienstag, 13. Juli 2021
Urlaubstagebuch Teil 8
Ich habe jetzt etwa 45 Minuten Zeit, hier etwas hinzuschreiben und zeitgleich zu verdrängen, dass gerade von rechts eingeflogen kam, dass ich 21 neue Emails habe, wobei mein Eingangspostfach doch gerade noch leer war. Dann kommen nämlich T und P, meine neuen Urlaubsfreunde, und ich werde mich über Hunde, Kinder und die Pandemie unterhalten. Oder vielleicht nicht über die Pandemie, das hat gestern nicht so gut funktioniert, ich musste umschwenken auf das Sexleben meiner Mutter.

T und P sind die Eltern von Onas Freund L, und ich habe sie gestern am Strand angesprochen, ob sie eventuell Onas Wechselgeld verwalten können, während ich oben Bahnen schwimme, sonst wäre das Wechselgeld nämlich weg gewesen, Sie sehen, es war nicht abwendbar. Sie waren sehr nett, sind sie auch immer noch, abends setzte man sich zusammen und plauderte.

Das war also am vorletzten Tag der Reise und damit vermutlich ungefährlich. Ich bin da grundsätzlich ja sehr zurückhaltend, hinterher möchte man vielleicht nicht noch einmal zusammensitzen, und wenn der Urlaub dann noch 13 Tage dauert, werden die nächsten 12 ein Spießrutenlaufen, da bin ich ja schlauer. 2013 war ich mit Mann und Kind in Spanien, da, wo wir immer sind, allerdings zum ersten Mal, und das Kind schoss einen Ball in den Nachbargarten, also mussten wir im Nebenhaus klingeln, es öffneten Ralf und Tanja, setzten uns auf ihre Terrasse und zack, waren wir gefangen. Ralf und Tanja waren absolute Idioten, hatten eine komplizierte on/off Beziehung, die sie mit uns besprechen wollten, wir hatten keine Idee, wie wir uns aus der Situation entfernen konnten, und abends wollte Ralf uns das tollste Restaurant im Ort zeigen. An dem Punkt gibt es keinen unkonfrontativen Weg, zu sagen, dass man lieber alleine essen möchte, zumal wir ihn aus Einfallslosigkeit nach dem tollsten Restaurant im Ort gefragt hatten. So gingen wir also gemeinsam essen, wunderten uns sehr, dass jemand 20 Jahre jedes Jahr nach Spanien fahren kann und sich dann damit rühmt, außer dos zervezzas por fovor kein Wort sagen zu können, dann die unwillkürliche Frage nach den Plänen für den nächsten Tag, wir wollten nach Barcelona fahren, und upsi, Ralf kennt sich in Barcelona super aus (wir auch) und möchte Tanja das auch mal zeigen, vielleicht könnten wir doch einfach zusammen fahren, dann mein unfassbar guter Einwurf, wir würden da nur das Kinderprogramm machen (sie hassten Kinder), und dann konnten wir das alleine machen. Am letzten Tag, nach wirklich vielen Abwimmelversuchen, wollte Tanja die Telefonnummern austauschen, ich Schaf gab ihr die richtige Nummer, sie rief zwei Tage später an, und ab dann war unsere Festnetznummer verbrannt. Irgendwann gab es irgendeinen Vorfall, durch den ich bei Herrn H schwer einen gut hatte, und ich wünschte mir von ihm, dass er einfach mal ans Telefon geht und Tanja sagt, dass sie bitte nicht mehr anrufen soll, wir hätten ja nun wirklich NICHTS gemein. Er machte das, und danach habe ich nie mehr im Urlaub mit Menschen gesprochen. Zu gefährlich. Bis gestern.

Und eigentlich war das okay. T ist Polizist, P ist Sachbearbeiterin im verbeamteten Status, sie kommen aus der nordrhein-westfälischen Provinz und bezeichnen sich selbst als Gesprächsstarter als "gesellig und lustig". So wie ich, quasi, Match made in heaven. Wir starteten mit Hunden (alle für), gingen über Kinder (haben alle) und plötzlich waren wir bei "Hurra, Ona ist geimpft", und dann. Stille. Nein, da seien sie nicht so für (beide sind ein bzw zweimal geimpft), das sei ja alles schon schlimm genug gewesen mit Corona, und es sei ja erwiesen, dass die Impfung für Kinder schädlich ist, das würden sie jetzt nicht mehr mitmachen, ihre Kinder würden sie nicht mehr opfern. Dann kamen etwa 20 Argumente, die vielleicht in so einer Parallelwelt Sinn ergeben würden, und dann kam ich kurz und lernte viel über die absolute Sinnlosigkeit meines Jobs. Seit einem Jahr beschäftige ich mich beruflich ausschließlich mit Corona, einmal aus politischer Ecke, einmal aus medizinischer. Sie können mir glauben, dass ich alle Literatur kenne, wenngleich ich mir nicht anmaße, die bewerten zu können, ich habe aber das Gefühl, dass ich ganz gut verstanden habe, wer das doch kann. Deshalb kann ich im Schlaf alle Argumentationen für und gegen alle möglichen Dinge runterbeten, ich kenne alle Spezifikationen und Studienergebnisse aller Impfstoffe auswendig, ich kann aber eine Sache nicht: noch irgendwas Sinnvolles beitragen, wenn jeder einzelne Scheiß letzte Satz ist "nee, ich bin mir wirklich ganz sicher, das sagt mir mein Bauchgefühl, das mit den Impfungen der ganzen Weltbevölkerung, das ist nicht koscher, da ist der Fisch noch nicht gegessen." Es gibt ja auch niemanden mehr, der geschützt werden müsste, die 80Jährigen sind ja entweder geimpft oder sterben eh bald. Und für alle anderen ist das ja ganz ungefährlich, aber der Staat möchte gerne PIIIIIIIIIEP.

Der Rest wird wegen Nichtgefallens zensiert. Ich habe alles runtergebetet, was argumentativ passte, habe alles sehr sachlich gekontert, und am Ende landeten wir jedes einzelne Mal bei "Ja aber ich habe da so eine Intuition".

Gut. Wir haben andere Themen gefunden. Und irgendwie waren sie auf den anderen Terreins auch sehr rührend. Ich kenne so Leute nicht, aber ich war ganz angetan. Ich glaube, so sieht so eine richtig glückliche Doppelbeamtenehe nach 20 Jahren aus:

"Also wir waren 2003 damals in der Dom Rep gewesen, oder Schatz?" "Ja. Oder warte, war das nicht 2004?" "Ja, du hast Recht, 2004." "Nein Schatz, du hattest Recht, das war 2003, hatte da der Dackel nicht die Geschichte mit der Wirbelsäule?" "Ja Schatz, du hast recht, das war auch schlimm, und da war Jolene noch nicht geboren." "Ja, richtig Schatz, das war kurz bevor du schwanger geworden bist, also wir." "Ja Schatz, stimmt, du hast Recht, ach, das war auch noch schön, da konnten wir noch richtig lange schlafen." "Ja Schatz, da haben wir am Wochenende immer schön im Bett gefrühstückt." "Naja Schatz, bald sind die Kinder ja groß, dann können wir das wieder ganz in Ruhe machen, hahahahaha." "Hahahahaha."

Und nur, dass wir uns hier richtig verstehen: Das ist Kommunikation in meine Richtung. Nicht untereinander.

Morgen fahre ich nach Hause.

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Urlaubstagebuch Teil 7
Heute bin ich sehr sehr müde. Außen im Körper und innendrin, der Teil meiner Person, der heute abend Koffer packen muss, möchte viel lieber schlafen. Nun kann ich natürlich einfach schlafen, muss aber gleich zum Schnelltest, und allein die Tatsache, dass ich irgendwann irgendwo sein muss, drückt seit dem Aufstehen die Stimmung wie verrückt.

Dabei war gestern doch so ein aufregender Tag. Morgens nach dem Aufstehen präsentierte Jonathan mir seinen ausgefeilten Plan des Nichtstuns und wie ich an welcher Stelle da Teil von sein sollte. Ich war nicht vollständig überzeugt und benutzte schwarze Pädagogik, um ihn davon zu überzeugen, mit mir schnorcheln zu gehen. Da ich allerdings statt zwei Brillen, zwei Masken und vier Flossen lieber nur eine Brille, einen Schnorchel, 7 Shirts und 5 lange Jeans eingepackt hatte (um dann eine Woche lang in den gleichen paar Kleidern hier rumzusitzen) mussten wir Equiment mieten. Der Plan war: Wichtige Dinge in die wasserdichten Handyhüllen, dann Sachen mieten und so weit wie irgend möglich von dem überfüllten Strand mit der lauten Musik wegschwimmen, ein paar Kilometer weiter an einen ruhigen Strand anlanden und da dann so lange zu sitzen, bis der Handyakku gebietet, dass wir zurückschwimmen. Am Wassersportservicepunkt angekommen lernten wir, dass sie keine Flossen vermieten, und dass die Maske 10 Euro pro Stunde Leihgebühr kostet. Da ich mich so auf mindestens 6 Stunden eingestellt hatte, allerdings mit Flossen, um auch Meter zu machen, lehnte ich dankend ab und ging weiter zur Tauchschule, die Flossen draußen rumstehen hatte. Der 63jährige Tauchtyp beantwortete meine Frage, ob ich was zum Schnorcheln bei ihm leihen könne mit dem Satz: "You should go diving." Was genau dann passierte, kann ich gar nicht sagen, jedenfalls zögerte ich keine Sekunde und sagte "Maybe I should."

Mir war natürlich klar, dass Schnorchelkönig Ona das sofort machen wollen würde, mir war überhaupt nicht klar, dass ich das machen wollen würde. Bislang hatte ich den Gedanken noch nie. Zwei Sachen sprechen eigentlich nämlich dagegen. Erstens bin ich wirklich sehr schlecht in Druckausgleich, ich bin jahrelang nur mit so komischen Ohrstöpseln geflogen, weil mir sehr oft bei der Landung das Ohr zugegangen ist und ich dann tagelang nix gehört habe und Ohrenschmerzen hatte. Mir schien Tauchen keine gute Idee. Außerdem hatte ich in den letzten Jahren so kurze Perioden, in denen ich anlasslos beim Schnorcheln nicht gut, also gar nicht, atmen konnte. Sobald das Gesicht unter Wasser war, konnte ich schlichtweg nicht einatmen. Beim letzten Versuch klappte das zwar wieder, dennoch ist das natürlich keine gute Voraussetzung dafür, 10 Meter tief zu tauchen. Bei der Entscheidung, tauchen zu gehen, hatte ich das wohl vergessen, beim Ausfüllen der nötigen Formulare fiel mir das allerdings alles wieder ein. Also erklärte ich eher länglich, dass es ein gewisses Restrisiko gibt, dass ich einfach oben bleibe, sollte ich merken, dass mich das alles stresst.

Zudem hatte ich noch mehrere Stunden Zeit bis zum Tauchgang, also lieh ich mir Onas Maske und Schnorchel, ging zurück aufs Zimmer und schwomm dort Bahnen mit Maske und Schnorchel. 30 Minuten, in denen ich nichts anderes gemacht habe als "Einatmen, Ausatmen" denken. Bis an den Punkt, wo der Puls ganz ruhig wird und die Atmung gleichmäßig, dann weiterschwimmen, mit dem guten Gefühl, mich auch 30 Minuten unter Wasser selbst ganz ruhig atmen zu können. Und überhaupt. Atmen.

Sehr optmistisch gingen wir also zu unserem Termin zur Tauchschule, bekamen die Einweisung in die Ausrüstung und die Gesten unter Wasser, zogen uns die Neoprenanzüge an und waren dann doch sehr überrascht, wie schwer Luft sein kann, wenn man sie sich in Form eines Lungenautomats auf den Rücken schnallen muss. Dann legten wir die Strecke meiner Träume zurück, nämlich im Neoprenanzug mit 100 Kilo auf dem Rücken und nackten Füßen zwischen Millionen Touristen über heißen Kies ins Meer, dort gab es einen wirklich sehr guten Flossenanziehservice, den ich mir für den Privatgebrauch gemerkt habe, und dann ging es los. Tauchlehrer Ahmet zeigte mir noch fünfmal das Handzeichen für "Hilfe, ich muss sofort gerettet werden", und dann ging es runter.

Die ersten zwei Atemzüge gingen nicht gut, ich tauchte wieder auf, visualisiert mich beim Bahnenschwimmen zwei Stunden vorher und tauchte dann eine Stunde lang. Angekündigt waren 6 Meter Tiefe, letztlich tauchten wir auf 10 Meter. Nach ein paar Minuten hörte Ahmet auf, uns permanent zu fragen, ob alles okay sei, weil erstens alles okay war und wir zweitens einfach immer proaktiv das Handzeichen machten, damit er uns in Ruhe lässt. Den ersten Druckausgleich musste ich schon nach einem Meter machen, klappte aber auf beiden Ohren, und gefühlt brauchte ich einen pro Tiefenmeter. Alle geklappt. Atmen war unspektakulär, ein paar Mal wurde mir kurz unwohl, weil ich Ona nicht neben mir sah. Toter Winkel durch Taucherbrille, ein Thema, das in der Gesellschaft zu wenig besprochen wird. Ich fand mein Kind unter Wasser übrigens spektakulär schön. Aber ich bin befangen.

Zu sehen gab es nichts. Ein paar Feuerfische, ein paar mehr sehr langweilige Fische, ein bisschen Müll am Grund. Unspektakulär und nicht schön. Für Leute, die gucken wollen statt tauchen lernen sicherlich nicht reizvoll, für uns total okay, da Ona alles schön fand und ich einfach mit mir und dem Meer beschäftigt war.

Nach einer knappen Stunde tauchten wir wieder auf, ich hatte Kreislauf sowie das Gefühl für unten und oben komplett verloren und musste dennoch in full gear über den heißen Strand zur Tauchhütte zurücktaumeln, trat in eine Glasscherbe (und kann jetzt wirklich schlecht laufen, da mein Fuß gefühlt in der Mitte durchgeschnitten ist, danke dafür Touristen!) und fiel dann letztendlich nach dem Ablegen der Sauerstoffflasche einfach auf einen Stuhl. Der Teil des Taucherlebnisses müsste für meinen Komfort sehr geändert werden. Ich bräuchte einen Kran, der mich aus dem Wasser schweben lässt und mich dann auf einer Liege ablegt, auf der ich zurück zum Ausgangspunkt gerollt werde. Dann wär's perfekt.

Nach dem Auftauchen war Ahmets allererste Reaktion übrigens "You two are like fucking fish", gefolgt von der vermutlich allen zahlenden Kunden mitgeteilten Beobachtung, wir hätten eine großartige Hydrodynamik (danke an Vanessa Giese für den Hinweis, dass Robben auch großartige Hydrodynamik haben, ich fühle mich denen auf vielen Ebenen sehr verbunden), gefolgt von einer unangemessen langen Exploration seines völligen Unglaubens, dass ich so "stark" gewesen sei und so cool und so entspannt. Eventuell wirkte ich im Vorfeld wieder "tense", vielleicht einfach nur wie die allerletzte Idiotin aus dem Nichtschwimmerbecken, man weiß es nicht. Aber es ist ja auf jeden Fall schön, Leute mit Overperformance zu überraschen. Andersrum wäre blöder.

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