Mittwoch, 27. Dezember 2023
08.11.2023
In der ersten Woche des Kalendermonats bin ich ja immer sehr beschäftigt, da ich üblicherweise am 10. des Monats dicke Deadlines habe. Genau die richtige Zeit also gerade, dass die ganze Welt sich sehr eigenartig benimmt und mich damit geistig in Beschlag nimmt.

So zum Beispiel die vielen verschiedenen Menschen mit englischen Namen, John Smith, Christine Watson, etc., die mir eine Domain zum Kauf anbieten, die ich selber gerade abgestoßen habe. Was denken die denn? Vermutlich ist ihr Geschäftsmodell gar nicht auf Denken basiert, stimmt schon. Jedenfalls habe ich 2019 ein Unternehmen gegründet, Namen erfunden, Wortmarke geschützt, wie man das so macht, und dann habe ich alle sich daraus ergebenden Domains erst mal gebunkert. Auf der allerbesten habe ich die Webseite gebaut, dann gab es eine Zeit lang noch Umleitungen von schlechteren auf die richtige Seite, der Rest lag brach rum, wie das dann halt so ist. Neulich wurde ich aufgefordert, den ganzen Haufen zu verlängern und entschied mich dagegen, ich habe die jetzt vier Jahre nicht gebraucht, ich werde sie auch in Zukunft nicht brauchen. Das ist schon ein paar Wochen her, aber seit letzter Woche bekomme ich Dutzende von Emails von Menschen, die mich mit HEY! ansprechen und die mich auf die einzigartige Möglichkeit hinweisen, ich könnte irgendwelche Domains jetzt von ihnen kaufen. Die ersten paar Mails habe ich gelöscht, dann kamen Erinnerungsmails mit „Just want to make sure you didn’t miss that“, und antworte ich allen, dass ich die Domain ja gerade selber freigegeben habe und dass ich ihnen viel Erfolg mit der Suche nach einer anderen Käuferin wünsche, und mit ihrem Geschäftsmodell insgesamt. Es wird sie nicht stören, aber so habe ich hin und wieder ein paar Minuten Spaß.

Und dann erhalte ich – ich meine, ich hätte es schon mal erwähnt – seit geraumer Zeit Unmengen an Initiativbewerbungen, die alle genau gleich sind. Erstens heißen alle Bewerber:innen in etwa so wie „Mohammed X“ oder „Rajesh Y“. Dann sind sie alle hochausgebildet in irgendwelchen Bereichen, die gar, wirklich gar nichts mit meinem Unternehmen zu tun haben. Der Mail hängt immer ein PDF an, Aufbau Bewerbungsschreiben immer gleich, alle Zeugnisse mit dabei. Im Moment brauche ich keine Maschinenbauingenieur:innen, daher lösche ich die Mails einfach immer, doch inzwischen bin ich bei im Schnitt 5 pro Woche, da möchte ich gerne die dahinterliegende Idee verstehen. Vor einigen Monaten hatte ich das Thema bereits einmal mit Frau N durchgesprochen, und da stand kurz die Idee im Raum, ob es sich vielleicht um ein betrügerisches Ansinnen handelt, bei dem gegen nichtberücksichtigte Bewerbungen wegen rassistischer Voreingenommenheit geklagt werden soll. Da bin ich jetzt erst einmal ganz entspannt, die Richterin, die mich verklagt, weil ich keinen Maschinenbauingenieur eingestellt habe, möchte ich sehen. In Wien erreichten mich dann wieder mehrere Bewerbungen, und Frau N. schlug vor, ich könne ja mal auf eine antworten und fragen, wie es denn dazu wohl gekommen ist. (Die neue Arbeitshypothese, zumal die Bewerber:innen tatsächlich im Netz auffindbar waren, ist, dass es sich um einen gestreamlineten Bewerbungsservice handelt, der gegen Geld für Bewerbungen, die bei Ämtern vorgewiesen werden können, sorgt.) Es gibt natürlich keine Bessere Zeit als die erste Woche im Monat, um solche Emails zu beantworten, also fragte ich heute eine indische Molekulargenetikerin, ob sie mir helfen könne, ich sei etwas erstaunt über ihre Bewerbung, ob ich erfahren könne, welche Information auf der Unternehmenswebseite sie davon überzeugt habe, dass wir Molekulargenetikerinnen einstellen.

Und jetzt arbeite ich ein bisschen weiter und warte, ob mir irgendjemand zurückschreibt. Ich halte das für nicht sehr wahrscheinlich, aber schön wäre das natürlich.
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